Sanditz
Ein Roman über Aufbruch und Niedergang, Gelingen und Scheitern des Aufruhrs, Freundschaft und Familie in umwälzenden Zeiten, über den Wunsch nach Zugehörigkeit und die Sehnsucht nach Freiheit.
Sanditz, eine Kleinstadt am Rande der Republik. Hier leben alte Offiziere, Bürgerrechtler, Orgelbauer, Fliesensammler, Lokaljournalistinnen, selbsternannte Widerständler, Träumerinnen, Frührenter, Kinder, Liebespaare, verhuschte Archivare und die Familie Wenzel.
Warmherzig und multiperspektivisch verwebt Lukas Rietzschel die Erzählung der Familie und der Sanditzer Stadtbewohner zu einem Panorama deutscher Geschichten – vom Ende der DDR bis in die jüngste Gegenwart, vom Besetzen der örtlichen Stasi-Zentrale bis zum Kampf eines Freiwilligen in der Ukraine, vom Abrackern auf westdeutschen Baustellen bis zum isolierten Inseldasein während der Corona-Epidemie.
Die Bewohner entdecken
Die Familie Wenzel
Erika Wenzel: Großmutter, spielt u.a. Klavier in der Landeskirchlichen Gemeinschaft, früher in der Sanditzer Sparkasse angestellt.
„Als er noch sein Auto hatte, fuhr Tom Großmutter regelmäßig zu Beerdigungen, auf denen sie für den Kantor am E-Piano einsprang oder Herrn Burkhard in der Bläsergruppe ersetzte. Tom half ihr tragen und wartete im Auto. Die Fensterscheibe ein wenig heruntergelassen, um die Musik zu hören. So viele Friedhöfe und Kapellen hat er während dieser Zeit gesehen. Kleine im Wald und große, auf denen nur weiße Holzkreuze standen. Mehr als zehn alte Leute waren selten um ein Grab versammelt. Es starb mit Großmutter nicht nur das zwanzigste Jahrhundert, es stirbt die ganze Gegend langsam aus. Auch in ihrer Familie gibt es keinen Nachwuchs.“
Norbert Wenzel: zu DDR-Zeiten Orgelbauer gewesen.
„Rolands Hände zitterten immer noch, während Marions Vater das Tischgebet sprach: Er dankte für das Brot, dankte der Ähre, die sich aus der Erde gen Sonne schob, dankte dem Bauern, der sie während sommerlicher Hitze erntete, dankte dem Müller, der das Korn mahlte und dankte dem Bäcker, der das Mehl mit Wasser und Hefe und dem Feuer seines Ofens zu diesem Laib formte. Roland wunderte es nicht, dass ein Mann, der in den kalten Kirchen dieser Welt kalte Metallpfeifen zu einer Orgel zusammenbaute, die Wärme eines Bäckerofens schätzte und überbetonte.“
Dirk Wenzel: Onkel von Maria und Tom, lebt mit seiner Mutter in einem der Bungalows, früher Bausoldat.
„In letzter Zeit fragt sie sich häufiger, was einmal werden soll, wenn sie nicht mehr da ist. Sie hat ihre Zweifel daran, dass Dirk allein zurechtkommt. Wie oft hat sie aus dem Fenster geschaut, weil sie sich über das anhaltende Geräusch des Rasenmähers wunderte, das nicht lauter oder leise wurde, sich nicht nach links oder rechts verlagerte und dann Dirk gesehen, der sich am Griff festhielt, aber daneben saß. Regungslos in die Ferne starrte. Komm rein, Dirk, ist doch gut, mach morgen den Rest. „Ich schaff es nicht“, sagte er. Er sagte das beim Schuhezubinden, beim Brotschmieren, beim Zigaretteanzünden. Es gab Momente, da hätte sie ihm am liebsten eine geklatscht. Sie konnte das nicht ertragen, dass sich jemand derart von seinen Gefühlen übermannen ließ und es nicht schaffte, sich dagegen zu stemmen. Ihr gelang es doch auch! Und wie viele schlechte Tage hatte sie hinter sich gebracht? Wie oft lag sie abends im Bett und dachte, dass es in Ordnung wäre, wenn sie morgen nicht erwachte? Das sei was anderes, hat Dirk zu ihr gesagt. In einem klaren Moment auf der Gartenbank, nachts um zwei, als sie es endlich schaffte, ihn ins Haus zu holen. „Das ist eine Krankheit“, sagte er. Das blöde „Reiß dich zusammen“ rutscht ihr seither seltener heraus.“ .
Freundinnen, Freunde und Bekannte
Achim: Freund von Roland, emsiger Verhökerer von Baumaterialien, Hilfskoch in der Gaststätte "Zum Schwarzen Hirsch")
Kollegen und Kollegin von Marion und Roland im Fachglaswerk
Genossin Zimmer
Jens: ehemaliges Heimkind
Herr Spannagel: genannt der Windhund
In der Gemeinde aktiv
Pastorin Reinhard: genannt die Marmeladenpfarrerin, leidenschaftliche Fotografin
Herr und Frau Haufe: Geschwister, die fleißigen Abtipper von Büchern, Bewahrer der Bibliothek
Jochen: liebt die Gemälde von Caspar David Friedrich
Der Roman
Der Autor
Lukas Rietzschel
Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen. Schon sein Debütroman ›Mit der Faust in die Welt schlagen‹ (2018) war ein Bestseller, der für das Kino verfilmt wurde. 2021 erschien der zweite Roman ›Raumfahrer‹. Lukas Rietzschels Romane und Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gellert-Preis, dem Sächsischen Literaturpreis und dem Literaturpreis „Text & Sprache“.



