Sanditz

Ein Roman über Aufbruch und Niedergang, Gelingen und Scheitern des Aufruhrs, Freundschaft und Familie in umwälzenden Zeiten, über den Wunsch nach Zugehörigkeit und die Sehnsucht nach Freiheit.

Sanditz, eine Kleinstadt am Rande der Republik. Hier leben alte Offiziere, Bürgerrechtler, Orgelbauer, Fliesensammler, Lokaljournalistinnen, selbsternannte Widerständler, Träumerinnen, Frührenter, Kinder, Liebespaare, verhuschte Archivare und die Familie Wenzel

Warmherzig und multiperspektivisch verwebt Lukas Rietzschel die Erzählung der Familie und der Sanditzer Stadtbewohner zu einem Panorama deutscher Geschichten – vom Ende der DDR bis in die jüngste Gegenwart, vom Besetzen der örtlichen Stasi-Zentrale bis zum Kampf eines Freiwilligen in der Ukraine, vom Abrackern auf westdeutschen Baustellen bis zum isolierten Inseldasein während der Corona-Epidemie. 






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„Sah man genauer hin, entdeckte man noch Reste der alten Stadtmauer, die Sanditz wie einen Ring umgeben hatte. Darin: Der Markt, das Rathaus und die Kirche, Außerhalb des Rings wurden die Häuser mit den Jahrzehnten größer und die Straßen breiter. Ein Postamt entstand, gleich in Bahnhofsnähe. Außerdem ein Café und ein Hotel samt Gaststätte, ein Krankenhaus, ein Gymnasium, eine Bibliothek und ein Ivalidenheim. Ein zweiter Ring zog sich um die Stadt, auch dieser von Landesthron – der höchsten Ergebung des Sanditzer Umlandes – aus zu erkennen, gebildet durch Fabriken und deren Schornsteine , die weithin sichtbar in die Landschaft ragten. Die Sanditzer kamen sich bisschen vor, als würden sie in einer Burg leben, so eng standen die Schlote wie Türme und Türmchen beieinander, umschlossen die Stadt und trübten den Himmel mit ihren Rauchwolken.“

Sanditz

Kleinstadt am Rande der Republik Einwohnerzahl: Vor 1989 ca, 25.000, 2022 noch etwa 14.000  Bekannt für: Sein "Flussfest" und die Sanditzer Würstchen (eine traditionelle Brühwurst mit geheimer Gewürzmischung)  Beschreibung: ehemaliger Armee- und Industriestandort (Flachgalswerk, Matratzenwerk, Braunkohletagebau) 

Die Bewohner entdecken

Die Familie Wenzel

Erika Wenzel: Großmutter, spielt u.a. Klavier in der Landeskirchlichen Gemeinschaft, früher in der Sanditzer Sparkasse angestellt.

„Als er noch sein Auto hatte, fuhr Tom Großmutter regelmäßig zu Beerdigungen, auf denen sie für den Kantor am E-Piano einsprang oder Herrn Burkhard in der Bläsergruppe ersetzte. Tom half ihr tragen und wartete im Auto. Die Fensterscheibe ein wenig heruntergelassen, um die Musik zu hören. So viele Friedhöfe und Kapellen hat er während dieser Zeit gesehen. Kleine im Wald und große, auf denen nur weiße Holzkreuze standen. Mehr als zehn alte Leute waren selten um ein Grab versammelt. Es starb mit Großmutter nicht nur das zwanzigste Jahrhundert, es stirbt die ganze Gegend langsam aus. Auch in ihrer Familie gibt es keinen Nachwuchs.“ 

Norbert Wenzel: zu DDR-Zeiten Orgelbauer gewesen.   

„Rolands Hände zitterten immer noch, während Marions Vater das Tischgebet sprach: Er dankte für das Brot, dankte der Ähre, die sich aus der Erde gen Sonne schob, dankte dem Bauern, der sie während sommerlicher Hitze erntete, dankte dem Müller, der das Korn mahlte und dankte dem Bäcker, der das Mehl mit Wasser und Hefe und dem Feuer seines Ofens zu diesem Laib formte. Roland wunderte es nicht, dass ein Mann, der in den kalten Kirchen dieser Welt kalte Metallpfeifen zu einer Orgel zusammenbaute, die Wärme eines Bäckerofens schätzte und überbetonte.“ 

Dirk Wenzel: Onkel von Maria und Tom, lebt mit seiner Mutter in einem der Bungalows, früher Bausoldat.   

„In letzter Zeit fragt sie sich häufiger, was einmal werden soll, wenn sie nicht mehr da ist. Sie hat ihre Zweifel daran, dass Dirk allein zurechtkommt. Wie oft hat sie aus dem Fenster geschaut, weil sie sich über das anhaltende Geräusch des Rasenmähers wunderte, das nicht lauter oder leise wurde, sich nicht nach links oder rechts verlagerte und dann Dirk gesehen, der sich am Griff festhielt, aber daneben saß. Regungslos in die Ferne starrte. Komm rein, Dirk, ist doch gut, mach morgen den Rest. „Ich schaff es nicht“, sagte er. Er sagte das beim Schuhezubinden, beim Brotschmieren, beim Zigaretteanzünden. Es gab Momente, da hätte sie ihm am liebsten eine geklatscht. Sie konnte das nicht ertragen, dass sich jemand derart von seinen Gefühlen übermannen ließ und es nicht schaffte, sich dagegen zu stemmen. Ihr gelang es doch auch! Und wie viele schlechte Tage hatte sie hinter sich gebracht? Wie oft lag sie abends im Bett und dachte, dass es in Ordnung wäre, wenn sie morgen nicht erwachte? Das sei was anderes, hat Dirk zu ihr gesagt. In einem klaren Moment auf der Gartenbank, nachts um zwei, als sie es endlich schaffte, ihn ins Haus zu holen. „Das ist eine Krankheit“, sagte er. Das blöde „Reiß dich zusammen“ rutscht ihr seither seltener heraus.“ .

Marion Wenzel: Mutter von Maria und Tom, verheiratet mit Roland Moschnick, früher im Fachglaswerk angestellt, später in der Sanditzer Sparkasse.   

„Herr Haufe war die Treppen nach oben gestiegen. Keuchend kam er in der Bibliothek an. Seinen eigenen Mundgeruch konnte er nicht riechen, er ahnte jedoch, dass es Gründe haben musste, dass die jungen Leute ein wenig zurückwichen, wenn er sprach. Er verwendete die gleichen Worte, die seine Schwester benutzt hatte, die wiederum Marions auf den Buchstaben glichen. Marion hatte das gut gemacht, vorausschauend und stark in ihrer Analyse. Sie hatte ihnen klare Aufträge erteilt, denen sie nur zu folgen brauchten. Er bewunderte diese junge Frau und sagte das auch regelmäßig ihrer Mutter. Eine tolle Frau, eine tolle Tochter, da können Sie stolz sein! Das musste man erstmal schaffen, Arbeit und Dienst in der Gemeinde und dann noch Zwillinge, Haushalt, ein Ehemann im Schichtbetrieb. Herr Haufe und seine Schwester schienen manchmal schon an den täglichen Mahlzeiten der Katze zu verzweifeln und vergaßen ihr eigenes Abendbrot dabei. Wie musste das erst für Marion sein?“  

Maria: Tochter der Familie, Lokalreporterin in Sanditz und Umgebung.    

„Ob nun am Meer in einer Forschungsstation, oder, wie später, ihr Studium, um Journalistin zu werden, Dirk freute sich, dass ihre Wünsche sie in die Ferne zogen. Weg von diesen flachen Häusern mit den absurd großen Grundstücken, weg aus diesem Dorf, das keines war. Leute ihres Alters kennenlernen, Freunde finden, einen Mann. Sich lösen und woanders Wurzeln schlagen. Eines Tages schnitt er Brombeerranken, die die Grenze zwischen den Grundstücken zuwucherten, als sein Telefon klingelte und Maria ihm sagte, dass sie zurückkommen würde. Er war so überrascht, dass ihm nur die blöde Frage: „Wohin zurück?“, einfiel, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass Maria zurückkommen würde, zurück zurück, wie sie sagte. Maria hat es ihm anschließend zu erklären versucht, oben auf der Bank, aber so richtig verstehen kann er es bis heute nicht.“  

Tom: Sohn der Familie, Ex-Polizist, geht als Freiwilliger in die Ukraine.  

„Sie reckt den Hals nach den Fenstern, hinter denen Toms WG liegt. Auf der gesamten Etage brennt kein Licht, auf ihr Klingeln reagiert niemand. Da steht sie also wieder. Kurz davor, hoch zu den gekippten Fenstern nach Tom zu rufen. Wieder ist sie ihm nachgelaufen. Wieder ist sie ihm nachgelaufen. Die Männer dieser Familie scheinen mit dieser Methode erfolgreich zu sein.“

Freundinnen, Freunde und Bekannte

Achim: Freund von Roland, emsiger Verhökerer von Baumaterialien, Hilfskoch in der Gaststätte "Zum Schwarzen Hirsch") 
Mit Blick zur Decke versuche Roland sich an einem Gebet und brach es ab. Er kam sich wie ein Kind vor, wenn er mit diesem Gott redete: „Bitte mach, dass Achim mir zuhört und dass er mich nicht wegstößt, wenn ich mit ihm rede. Was sollte das? Warum hat er das getan?“ Er spürte noch die Stellen an seinen Schultern. Zu sehen war nichts, das hatte er in dem kleinen Rasierspiegel überprüft. Achim hatte aber nicht nur seine Schultern gepackt und damit die Muskeln und Knochen darunter getroffen, sondern alles, das noch tiefer dahinter lag. Er hatte ihn liegen lassen, an der Straße, die zur Schneewittchensiedlung führte, im Graben, im nasskalten Gras, auf dem eisigen Boden. „Bleib hier!“, hatte Roland gerufen, aber Achim war davongelaufen. Mit rudernden Armen verschwand er in der Nacht und Roland fürchtete: für immer. Etwa auf Höhe seiner Füße trafen die kalte Zugluft vom Fenster und die Restwärme des kleinen Ofens aufeinander. Er faltete die Hände und versuchte es noch einmal. „Bitte sei bei Achim“, sagte er und brach wieder ab. Nein, dachte er, heute nicht.“ 

Adrian: Freund von Tom und Caro 
„Er entscheidet sich jedoch für die Zimmerpflanze, weil er nicht weiß, wie lange er noch in diesem Zimmer ausharren muss, bis ihm jemand die Tür öffnet. Die trockene Erde, die sich zusammengezogen hat und verklumpt ist (sie ist so komprimiert, dass sie den Rand des Topfes nicht mehr berührt), nimmt den gelben Strahl wie einen warmen Sommerregen auf. Adrian stöhnt vor Erleichterung und schließt sogar die Augen dabei. Dann spürt er, dass seine Zehen nass werden und sieht, dass sein Urin von der Erde gar nicht gehalten wird. Er fließt einfach hindurch und durch das Loch im Topfboden auf die Dielen. „So eine Scheiße!“, ruft er, „so eine dumme, verfickte Scheiße!“ Er kickt den Topf samt Pflanze durchs Zimmer, rennt erneut zur Tür und stemmt sich dagegen, nimmt Anlauf und springt mit den Füßen voran. Etwas knackt, aber es ist nicht die Tür. Stöhnend vor Schmerzen bleibt Adrian auf dem Boden liegen. Sein rechter Knöchel pulsiert. Er weint. So also endet sein Leben: In dieser Ranz-WG in einem Pisse-Zimmer verrecken.“ 

Caro: Ex-Freundin von Tom, Bewohnerin einer Hütte im Wald  
„Tom und sie hatten unterschiedliche Ansätze, der Angst und dem Hass in der Gesellschaft zu begegnen. Tom glaubte an Aufklärung, Caro glaubte an Liebe. Nach ihrem Verständnis waren alle Menschen brüderlich miteinander verbunden. Es gab eine tiefe Liebe, die wie ein unsichtbarer Faden jeden Menschen und die Welt zu einer Einheit knäulte. Die Politik, egal welche, trennte diese Fäden. Sie säte Zwietracht und schaufelte Gräben so tief, dass jeder Mensch zu seiner eigenen Insel wurde. Als ihr Vater in die AfD eintrat (es hätte auch jede andere Partei sein können), war für sie klar, dass er sich für den Hass und gegen die Liebe entschieden hatte.“ 

Nico: Ehemaliger Klassenkamerad von Maria  

Jacek, Match, Ruffy, Turow: Kämpfer in der Ukraine  

Peter Schulte: Sparkassenchef aus dem Sauerland  

Jeremy: genannt "Germany", wohnt mit seiner Familie in der Leipgzier Straße, Nachbar von Roland 

Der Mann ohne Beine: Vorname Dietmar, ehemaliger Offizier, Nachbar der Wenzels in einem der Bungalows 

Frau Sailer: Nachbarin der Wenzels in einem der Bungalows 

Herr Gasling: Chefredakteur der „Sanditzer Zeitung“, größter Erfolg: seine Arbeit um den Korruptionsskandal der Sanditzer Sparkasse in den 90er Jahren 

Lovro: kroatischer Arbeitskollege von Roland in Frankfurt a.M.

Kollegen und Kollegin von Marion und Roland im Fachglaswerk

Genossin Zimmer  

Jens: ehemaliges Heimkind  

Herr Spannagel: genannt der Windhund

In der Gemeinde aktiv

Pastorin Reinhard: genannt die Marmeladenpfarrerin, leidenschaftliche Fotografin  

Herr und Frau Haufe: Geschwister, die fleißigen Abtipper von Büchern, Bewahrer der Bibliothek 

Jochen: liebt die Gemälde von Caspar David Friedrich

Der Roman

Das große Epos unserer Gegenwart

Sanditz, eine Kleinstadt am Rande der Republik. Hier leben alte Offiziere, Bürgerrechtler, Orgelbauer, Fliesensammler, Lokaljournalistinnen, selbsternannte Widerständler, Träumerinnen, Frührenter, Kinder, Liebespaare, verhuschte Archivare und die Familie Wenzel.  Warmherzig und multiperspektivisch verwebt Lukas Rietzschel die Erzählung der Familie und der Sanditzer Stadtbewohner zu einem Panorama deutscher Geschichten – vom Ende der DDR bis in die jüngste Gegenwart, vom Besetzen der örtlichen Stasi-Zentrale bis zum Kampf eines Freiwilligen in der Ukraine, vom Abrackern auf westdeutschen Baustellen bis zum isolierten Inseldasein während der Corona-Epidemie.  Ein Roman über Aufbruch und Niedergang, Gelingen und Scheitern des Aufruhrs, Freundschaft und Familie in umwälzenden Zeiten, über den Wunsch nach Zugehörigkeit und die Sehnsucht nach Freiheit. 

Der Autor

Lukas Rietzschel

Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen. Schon sein Debütroman ›Mit der Faust in die Welt schlagen‹ (2018) war ein Bestseller, der für das Kino verfilmt wurde. 2021 erschien der zweite Roman ›Raumfahrer‹. Lukas Rietzschels Romane und Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gellert-Preis, dem Sächsischen Literaturpreis und dem Literaturpreis „Text & Sprache“.

www.lukasrietzschel.de